Guten Morgen, Frau Loos (2008)

Arbeit in Text und Bildern über den Berufsalltag einer Sonderschullehrerin in Berlin-Moabit. Enstanden 2008. Veröffentlicht in der Tageszeitung „Neues Deutschland“.

 

© Conny Höflich, aus der Arbeit "Guten Morgen, Frau Loos"

 

Wie geht man mit 11‐ bis 13‐jährigen Schülern um, für die Gewalt ein probates Mittel zur Lösung ihrer Probleme ist?

Frau Loos ist seit anderthalb Jahren Sonderschullehrerin an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ in Berlin-Moabit. Sie war mir dort aufgefallen, weil sie weder größer noch wesentlich älter wirkte als einige ihrer Schüler und sie (dennoch) geachtet und gemocht zu werden schien.

Bevor ich sie das erste Mal in ihre Klasse begleiten durfte, um Antwort auf meine Frage zu bekommen, treffen wir uns zu einem Gespräch. Sie erzählt mir, in Berlin-Marzahn als Kind von Lehrern aufgewachsen und daher mit dem Lehrerberuf sehr vertraut gewesen zu sein. Nach der Schule hatte sie dennoch zunächst überlegt, Psychologie zu studieren – eine „Probestunde“ bei einer Psychologin und der hohe Numerus Clausus des Studiengangs hielten sie jedoch davon ab, und sie begann das Studium der Sonderpädagogik. Sonderpädagogik, weil ihre Mutter nach der Ausbildung zu einer „normalen“ Lehrerin Sonderschullehrerin geworden war, und „der Apfel fällt nun einmal nicht weit vom Stamm“. Vieles im Studium machte ihr großen Spaß, vor allem das Philosophieren, zum Beispiel darüber, wie „Behinderung“ definiert ist, und wer behindert sei. Allerdings hatte sie immer Zweifel, wie viel von dem Erlernten ihr nachher für ihre Arbeit nutzen würde. Entsprechend ernüchternd waren ihre Erfahrungen während der Pflichtpraktika, in denen sie am Ende eines jeden Tages immer sehr erschöpft war. Daher wählte sie für ihr Referendariat bewusst einen kleinen, ländlichen Ort, wo der Lehrer – noch – als „Institution“ war und automatisch Achtung und Respekt bei den Schülern genoss. Als schließlich „alles“ gelernt und bestanden und sie berechtigt war, als Sonderschullehrerin zu arbeiten, erhielt sie eine Stelle in Berlin-Moabit. Als sie das erste Mal bei der Schulleitung anrief, wurde sie gefragt, ob sie wisse, dass es sich bei dieser Schule um eine Brennpunktschule handele. Sie wunderte sich ein wenig über die Frage, war sie doch Sonderschullehrerin geworden, um mit „schwierigen“ Kindern zu arbeiten, hatte aber auch Respekt vor der ihr bevorstehenden Aufgabe.

Frau Loos ist Klassenlehrerin der 5a, die derzeit aus zehn Schülern, acht Jungs und zwei Mädchen, besteht. Bis auf zwei leben alle ihre Schüler in Familien mit Migrationshintergrund. Es ist ein Montag, als wir gemeinsam ihre Klasse betreten, und daher wird zunächst das Wochenende ausgewertet: „Was habt ihr gemacht?“, „Wie war es?“ Wichtig dabei ist, dass nur, wer sich meldet, drangenommen wird und reden darf. Das ist nicht immer einfach, aber Frau Loos achtet darauf und weist diejenigen, die reden, ohne sich zu melden, darauf hin, dass sie sie auf diese Weise nicht verstehen könne. Als einmal auch das nicht hilft, erinnert sie ihre Schüler an einen Vergleich, der offenbar schon mehrmals gewirkt hat: Wenn alle durcheinanderreden, ist das so, als würden alle Autos an einer Kreuzung bei Rot fahren. Keinem sei geholfen, die Autos seien im Ergebnis alle kaputt. Und dann die Frage, wollt Ihr einen Führerschein oder nicht, wenn ja, dann haltet euch an die Regeln!

Regeln. Ein Wort, das heute einen schlechten Ruf genießt. Aber Kinder brauchen Regeln, um sich daran reiben, um sich spüren zu können, sagt Frau Loos. Und solche Beispiele wie das mit der Straßenkreuzung helfen ihren Schülern, einen Zusammenhang zwischen dem, was sie tun, und dessen Folgen herzustellen. Deshalb kündigt Frau Loos immer an, welches Handeln welche Konsequenz zur Folge hat und macht den Schülern deutlich, dass sie darüber bestimmen, wie zum Beispiel eine Unterrichtsstunde verläuft, ob sie gemeinsam Spaß haben, sich austauschen, lernen können, oder ob es um Konfrontation, Kampf gegeneinander, Frustration geht. Wichtig ist, und dies hat sie sehr schnell lernen müssen, sich selbst dabei durchzuhalten und gegebenenfalls das folgen zu lassen, was angekündigt war – einen Schüler des Raumes zu verweisen, die Eltern zu benachrichtigen, ihn von einem Ausflug auszuschließen,

Diese Aufzählung klingt so, als würde Frau Loos nur mit „Bestrafung“ arbeiten. Aber dem ist nicht so. Zum Beispiel können sich Schüler, die ihren Wochendienst gut erfüllt haben, am Ende der Woche aus einer „Wunderkiste“ etwas aussuchen, ein Höhepunkt, den niemand gerne missen möchte. Andere, die ihre Hausaufgaben gemacht haben und pünktlich sind, dürfen in Ruhe einen neu angeschafften Computer im hinteren Teil des Klassenraumes erkunden, ebenfalls eine Belohnung. Und gleichzeitig Herausforderung, die von Schülern sehr geschätzt wird.

Sowohl „Belohnungen“ als auch „Bestrafung“ nutzt Frau Loos, um die Schüler zu befähigen, am gemeinsamen Leben im Rahmen der festgelegten Regeln teilnehmen zu können. Das setzt voraus, dass die Schüler das gemeinsame Leben prinzipiell als positiv und als lohnendes Ziel erfahren, sonst nützen diese Maßnahmen sehr wenig. Und wenn die Benachrichtigung der Eltern ein wirkungsvolles Mittel sein soll, setzt das auch voraus, dass die Eltern „mitmachen“.

Gerade das aber kann ein sehr kritischer Punkt sein, wie viele Lehrer, insbesondere von Schülern mit Migrationshintergrund, erfahren. Auch bei Frau Loos war das am Anfang so: Zu ihrer ersten Elternversammlung kamen zwei von zehn Eltern. Da sie jedoch um die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Eltern wusste, begann sie, Hausbesuche zu machen, anfangs immer mit einem Übersetzer. Diese Hausbesuche öffneten ihr, so beschreibt sie es, die „Rückseite“ ihrer Kinder, zeigten ihr, in welchen Verhältnissen sie aufwuchsen, was gut klappte und welche Probleme es gab. Am Ende bedankte sie sich sehr herzlich für die Gastfreundschaft und bat, nun ihrerseits die Einladung zum Elternabend nicht auszuschlagen. Zur nächsten Elternversammlung kamen acht von zehn Eltern.

John Berger, ein britischer Schriftsteller, hat einmal geschrieben, dass alles im Leben davon abhängt, wo man die Grenze zieht, und dass diese Grenzziehung jeder für sich allein entscheiden muss, ansonsten wird es nicht funktionieren. „Funktionieren“ ist das Wort, an dem Frau Loos ihre und die Arbeit und Lebensweise der anderen misst. Nicht „gut“ oder „schlecht“, „falsch“ oder „richtig“, sondern: Funktioniert es, oder funktioniert es nicht? Sie stellt sich diese Frage zum einen für ihre Schüler: Funktioniert es, wenn ich einen Schüler des Raumes verweise, bringe ich den Schüler und die Klasse damit zur Ruhe, oder schaffe ich mehr Frustration, Abneigung, Wut? Sie richtet die Frage aber auch an sich selbst: Funktioniert es, dass ich meinen Beruf engagiert ausübe, mich dabei als Privatperson aber nicht aufgebe und kaputt mache? Sie hat sich ein System erarbeitet, mit dem sie ihr berufliches und ihr privates Leben derzeit in einem für sie zufriedenstellenden Gleichgewicht hält, und das ist ihr sehr wichtig angesichts engagierter und guter Lehrer, die nach zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren vorzeitig und völlig erschöpft aus ihrem Beruf ausscheiden. Wichtig ist es ihr aber auch, weil sie „ihren“ Kinder ein Vorbild sein möchte: Wie sollen sie lernen, sich selbst und andere zu achten, wenn sie es ihnen nicht vormacht?

Und wie geht sie mit Misserfolgen um? Frau Loos sieht sich selbst als Angebot an ihre Schüler und weiß, dass zu allem immer zwei gehören und sie nicht jedem gerecht werden kann. Wenn sie zu einem Schüler keinen Zugang hat, sucht sie nach einer Möglichkeit, wie es „funktionieren“ könnte. Wenn sich aber dennoch keine Möglichkeit findet, muss – und kann – sie loslassen und hofft, dass andere Menschen – andere Lehrer, AG-Leiter, Familienangehörige – die Funktion des Ansprechpartners übernehmen können. Dass sie gegebenenfalls loslassen kann – zum Beispiel darf ein Schüler nach gemeinsamer Beratung die Klasse wechseln -, setzt eine Schulleitung und Kollegen voraus, die an einem gemeinsamen Strang ziehen und sich gegenseitig respektieren. Beides ist für sie derzeit gegeben.

Neben Regeln, Einbeziehung der Eltern, Messen des eigenen Tuns am Ergebnis („Funktioniert es, oder funktioniert es nicht?) ist noch etwas anderes sehr wichtig: Frau Loos mag ihre Schüler. Sie freut sich mit ihnen, wenn eine Rechenaufgabe gelöst, ein Text fließend gelesen, ein Schwimmabzeichen erworben wird. Sie nimmt sich die Zeit, jedem Einzelnen Hausaufgaben zu stellen, die seinem Können entsprechen, sie greift Themen auf, die die Schüler aktuell beschäftigen wie zum Beispiel des Leben der Dinosaurier, unternimmt Ausflüge mit ihnen. Als einer der Schüler bei einer Diskussion sagt, er hasse alle Türken, bittet Frau Loos ihn zu benennen, was genau er an „den Türken“ hasse. Kennt er Türken – in der Klasse zum Beispiel –, die er nicht hasst, oder Deutsche, die er hasst? Hasst er vielleicht nicht „alle Türken“, sondern das konkrete Personen, die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen?

Mochte sie schon einmal einen Schüler nicht oder kam nicht an ihn heran? Bisher habe sie diese Erfahrung nicht gemacht, sagt Frau Loos. Aber ihr Freund sei Erlebnis- und Kommunikationstrainer und veranstalte unter anderem Kanutouren mit Schulschwänzern. Davor ziehe sie den Hut, denn an diese Gruppe von Kindern und Jugendlichen käme man nicht heran, indem man sie des Raumes verweise oder die Eltern benachrichtige.

Bei unserem letzten Gespräch am Ende der Unterrichtswoche antwortet Frau Loos auf die Frage, ob sie und ihre Kollegen Supervision erhalten (mit erscheint der Druck, der auf ihnen lastet, immens groß), mit einem nachdenklichen Nein. Schön wäre unter Umständen auch die Zusammenarbeit mit einem zweiten Lehrer, hat sie bei meinen Fragen zu ihrer Arbeit und einzelnen Schülern gemerkt. Hat sie manchmal Angst, in zehn oder fünfzehn Jahren mit dem Gefühl kämpfen zu müssen, dass sie in ihrem Beruf bereits alles gesehen und erlebt hat, ihre Schüler keine Herausforderung mehr für sie sind? Jemals „alles“ in ihrem Beruf zu wissen, kann sie sich nicht vorstellen. Würde sie seiner aber dennoch irgendwann überdrüssig, gäbe es noch viele andere Dinge zu entdecken.

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