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Eine Deutsch-Türkische Seniorentheatergruppe in Berlin.

 

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Was haben Inge, Fatma und Clemens gemeinsam? Sie sind Rentner und spielen mit neun weiteren Rentnern Theater. Nicht Shakespeare, sondern ihr Leben, in selbst entwickelten Stücken. Was sie trennt? Ihr Leben vor dem Theater.

Als ich das erste Mal eine Aufführung der „Bunten Zellen“, einer deutsch-türkischen Gruppe des Berliner Seniorentheaters „Theater der Erfahrungen“, besuchte, war ich begeistert von deren Professionalität, Aktualität und Humor. Keine Spur von „Altenbonus“, ich kam ohne ihn aus. In dem Stück „Allet janz anders – Hersey farklı“ werden Geschichten deutscher und türkischer Kinder erzählt. Zum Beispiel von einem Berliner Mädchen, das 1943 allein nach Ostpreußen verschickt wird. Und von einem türkischen Mädchen, das 1973 allein in der Türkei zurückbleibt, weil die Mutter in Deutschland ein besseres Leben für die Familie aufbauen und ihren Töchtern eine Schulausbildung ermöglichen will. Geschichten, die so oder ähnlich Clemens, Ruth, Atiye, Marianne, Mihrican und Fatma als Kinder bzw. Mütter erlebt haben.

Wie entstehen solche Stücke? Unter Anleitung der gelernten Sozial- und Theaterpädagogin Johanna werden sie durch die SpielerInnen selbst erarbeitet. Im Fall von „Allet janz anders – Hersey farklı“ gab Johanna als formales Thema „Gemeinsamkeiten“ aus. Die SpielerInnen erzählten sich Begebenheiten aus ihrem Leben, brachten Fotos mit, malten „einen Platz in ihrer Kindheit“ und spielten sich gegenseitig improvisierte Szenen vor. Durch Johanna wurden die Szenen, die bühnenwirksam sein könnten, gesammelt und gemeinsam mit den SpielerInnen zu einem Stück verwoben.

Was sind die Voraussetzungen, um im „Theater der Erfahrungen“ mitspielen zu können? Eine entscheidende Voraussetzung ist Zeit. Die haben Rentner, aber auch Arbeitslose, und gelegentlich bei entsprechender Anpassung der Probenzeiten auch in Teilzeit Arbeitende. Einige der SpielerInnen gingen „pünktlich“ mit 65 Jahren in Rente wie z.B. Ruth. Als sie bei ihrer Verabschiedung gefragt wurde: „Und, wat wirste jetzt machen?“, war das Staunen über die Antwort groß: „Theater spielen!“. Clemens dagegen ließ sich 1999 bereits mit 63 Jahren berenten. Warum? Zum einen wollte er noch etwas Anderes in seinem Leben beginnen (was genau, wusste er damals noch nicht), zum anderen hatte er das Gefühl, „nicht mehr fit genug“ in seinem Beruf zu sein. Die Aufgaben änderten sich viel schneller als früher, man sprach jetzt von „moving targets“, und dazu hatte er mit dem hohen Anspruch an sich selbst keine Lust mehr.

Als Clemens dann das erste Mal in die Theatergruppe kam, fiel ihm der überdurchschnittlich hohe Anteil an Frauen auf, und er fragte: „Wo sind denn Eure Männer?“. „Meiner ist tot“, „meiner sitzt nur vor der Glotze“, und „bei meinem ist Beides, er sitzt vor der Glotze und sieht aus wie tot“ erhielt er zur Antwort. Lange Zeit war er dann auch Hahn im Korb, aber inzwischen liegt der Männeranteil in den „Bunten Zellen“ bei 30 Prozent.

Clemens war es auch, der mich auf die Bedeutung des „Eigene-Stücke-Spielens“ aufmerksam machte. Bevor er zu den „Bunten Zellen“ kam, besuchte er eine Seniorentheatergruppe, die klassische Autorenstücke einstudierte. Das fand er schrecklich, denn einer der Senioren war von Beruf Schauspieler gewesen und wusste immer, wie etwas besser zu machen sei, ohne das die anderen Spieler auf eine entsprechende Ausbildung zurückgreifen konnten. Keine der SpielerInnen der „Bunten Zellen“ besitzt eine fundierte Schauspielausbildung. Aber durch das Erarbeiten und Spielen eigener Stücke werden sie für das Publikum glaubhaft.

Der Name „Bunte Zellen“ leitet sich aus der Zusammensetzung der Gruppe ab: sechs SpielerInnen stammen aus Deutschland und sechs aus der Türkei. Alle türkischen SpielerInnen leben seit über 30 Jahren in Deutschland. Ihre Migrationsgeschichten ähneln sich insofern, als dass sie fast alle vorhatten, lediglich für einige Zeit in Deutschland zu bleiben. Cemal erzählt, sein und seiner Freunde Denken damals war, „viel Geld zu verdienen, wenig zu essen, und dann zurück zu gehen: der Körper war in Deutschland, der Kopf in der Türkei“. Dann wurden die Kinder geboren, gingen in einen deutschen Kindergarten, in eine deutsche Schule, man blieb, „bis die Kinder aus der Schule sind“, „bis …“. Atiye sagt, die ersten 15 Jahre in Deutschland habe sie immer wie in einem Hotel gelebt und sei dem Land relativ fremd geblieben, mit den Jahren allerdings auch der Türkei fremd geworden (in der Türkei nennt man sie „Deutschländer“). Durch ihre Arbeit als Sozialarbeiterin lernte sie Johanna kennen und besuchte zusammen mit siebzehn türkischen Landsleuten vor vier Jahren eine Schnupperprobe des Theaters. Durmus, Mihrican, Fatma und sie selbst blieben, und Durmus holte später Nyasi und Cemal dazu.

Durch das gemeinsame Erarbeiten autobiographischer Stücke in den „Bunten Zellen“ findet eine Integration beider, „der“ deutschen und „der“ türkischen, Seiten statt, sowohl auf persönlicher Ebene als auch auf gesellschaftlicher Ebene durch das Spielen in deutschen und türkischen Einrichtungen.

Viele der SpielerInnen erfüllen sich mit dem Seniorentheater einen alten Traum, denn nicht selten war als Kind bereits der Wunsch vorhanden, SchauspielerIn zu werden. So wie bei Marie-Luise, deren Vater damals jedoch „nein“ zu ihrem Vorhaben sagte. Sie war eine „brave“ Tochter und wurde Lehrerin – unter anderem für „Spiel- und Theaterpädagogik“. Im Nachhinein ist sie, wenn überhaupt, weniger ihrem Vater als sich selbst „böse“ darüber, ihrem eigentlichen Wunsch nicht schon damals vehementer nachgegangen zu sein. Auch Inge hätte sehr gern schon früher auf einer Bühne gestanden, aber „es ging nicht anders“, und sie war auch gern Mutter und für ihre Familie da. Umso schöner ist es, „dass das jetzt noch möglich ist“. Für Durmus war das Theaterspielen während der Schulzeit eine Möglichkeit, trotz der Armut seiner Familie durch die Lehrer beachtet zu werden. Und auch Nyasi spielte als Kind bereits Theater, im Winter, als Kino und Fernsehen noch nicht in seinem Dorf Einzug gehalten hatten. Neben dem Spielen stellt aber auch die Möglichkeit zu sozialen Kontakten („und wo ich jetzt überall herum komme in Berlin“) einen Reiz der Theaterarbeit dar.

Das Verhältnis der SpielerInnen unter einander ist sehr herzlich, was jedoch nicht heißt, dass es immer friedlich und harmonisch zugeht. In den Proben kann es leicht passieren, dass einander „angeschnauzt“ wird. Das Schöne ist, dass das auch schnell wieder vorbei geht. „Wenn man immer nur liebenswürdig ist, wird das Stück zu lang“ meint Marianne und fügt hinzu: „Du traust Dich ja nicht, den anderen zu kritisieren, vor lauter Liebenswürdigkeit“.  Clemens erwähnt noch einen anderen wichtigen Aspekt dieses „Anschnauzens“: man DARF jetzt, kann es sich leisten. Früher, im Berufsleben, musste man Hierarchien beachten, „Männchen machen“ oder „Recht haben müssen“, Dinge, die mit dem Alter wegfielen und ein Grund dafür sind, dass Clemens sein Alter als „selbstwertige Jahreszeit“ und nicht wie früher als Zeit des Abgangs empfindet. Er möchte die vergangenen 10 Jahre nicht gegen seine Jugend eintauschen.

Diese Erfahrung eint alle SpielerInnen: nicht „alt“ zu sein im Sinne von „abgestellt“, „fertig“, „am Ende“, und hatte mich zu diesem Theater hingezogen. Dabei stellt dieses Seniorentheater mitnichten den Versuch dar, das Alter(n) zu überlisten. Krankheiten und der Tod von MitspielerInnen begleiten die Gruppe und, wie Karin sagt, „es ist klar, dass man sich in diesem Alter immer wieder auch auf Beerdigungen trifft“. Es geht nicht um das Verleugnen des Alter(n)s, es geht vielmehr um die Erarbeitung und Darstellung seiner Qualitäten. Keine der SpielerInnen bemüht sich „gewollt“ um ein jugendliches Aussehen. So hat Inge, die mit 79 Jahren derzeit älteste Spielerin, wunderbares graues Haar und lässt es sich nur gerade wieder lang wachsen, „weil man doch mehr mit langen Haaren machen kann“.

Das Publikum der „Bunten Zellen“ ist sehr gemischt. Waren es früher vor allem Alten- und Pflegeheime („wir wollen alten Menschen einen Schub geben, sowohl den spielenden als auch dem Publikum“, ein Ziel der Theaterleitung), kommen heute auch zunehmend Anfragen zum Beispiel von Schulen oder Kieztreffpunkten, und sie spielen auf Theatertourneen, die sie 2007 bis nach Griechenland führten. Und nicht selten befinden sich Freunde und Angehörige im Publikum, die dann auch als Kritiker fungieren. Wenn möglich und gewünscht, entwickelt sich nach der Vorstellung eine Diskussion mit dem Publikum („Dialog zwischen Spielern und Publikum: Idee, die Spieler könnten auch im Publikum sitzen und das Publikum auf der Bühne“, ein anderes Ziel der Theaterleitung). Und manchmal erfahren die SpielerInnen indirekt, wie ihr Stück ankam, so zum Beispiel beim Mithören eines Gesprächs auf dem Klo: „Mann, war’n die gut“.

Wie reagieren die Familien darauf, dass „Oma“ oder „Opa“ einen gefüllten Terminkalender haben? Die jüngeren Generationen haben damit kein Problem, im Gegenteil, sie finden es oft ziemlich „cool“. Der Sohn von Atiye freute sich für seine Mutter, tat sie doch mit dem Theaterspielen etwas für sich, während sie sonst nur für andere da war bzw. Geld verdienen musste. Ältere und die gleiche Generation sehen das manchmal anders. Marie-Luise wurde in einer besonders probenintensiven Zeit zum Beispiel von ihrer Mutter gefragt, ob sie überhaupt noch verheiratet sei. Ruth räumt ein, dass ihr Lebensgefährte durch ihr Theaterspielen oft verzichten muss: „Früher wollten wir als Rentner viel verreisen, jetzt verreise ich mit dem Theater“.

Haben die SpielerInnen Angst vor den Auftritten, Angst vor Versagen? Karin nicht, sie weiß, dass die anderen bei Engpässen einspringen und kann Fehler hinter sich lassen. Eher erlebt sie einen riesigen Adrenalinstoß und eine unerhörte Konzentration vor der Aufführung und danach ein Abfallen der Spannung und eine große Müdigkeit. Aber das sei gut so, die Anspannung und das Abfallen. Ruth dagegen beschäftigt sich sehr lange mit „passierten“ Fehlern, hat schlaflose Nächte, ärgert sich über sich selbst und fragt sich, „Warum tust Du Dir das an?“. „Ja: warum?“, frage ich. Das Gefühl des „Versagthabens“ schwächt sich mit der Zeit ab, wird durch neue Eindrücke verdrängt, relativiert sich und verliert seine Bedeutung. Und die Vorteile des Spielens, lernfähig zu bleiben, neue Einsichten zu gewinnen, sich auszudrücken und der Applaus nach einer guten Aufführung sind einfach wunderbar.

Um die Kräfte dieses „Wunderbaren“ wissen auch Nicht-Theater-Fachleute. Bei Karin wurde im Sommer des vergangenen Jahres Brustkrebs diagnostiziert. Die Reaktion der behandelnden Ärzte auf ihr Theaterspielen war keine geringere als „Was machen Sie, Theater spielen? Na, da haben Sie ja beste Heilungschancen.“ Und als Karin nach der Operation fragte, ob es möglich sei, mit der Bestrahlung erst nach einer Theatertournee zu beginnen: „Fahren Sie, gute Frau, fahren Sie!“.

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