hier bin ich geboren: Karl W. erzählt (2026)
Ende August 2026 im Rahmen der Portraitreihe „hier bin ich geboren“ unter dem Titel „Sich das Nein leisten können“ in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ erschienen. Teil der Arbeit „hier bin ich geboren“ (Arbeitstitel, work in progress).

Ich wurde in Halle an der Saale geboren, 1933. Mein Vater war bei der Deutschen Reichsbahn, meine Mutter hatte keinen Beruf, die ging saubermachen bei einem Medizinalrat. Wir Kinder, ich habe eine Schwester, die ist anderthalb Jahre älter, gingen damals mit, unsere Mutter hat gearbeitet, wir haben zugeschaut, haben gespielt. Im Sommer 1939 waren wir mit den Eltern in den Alpen und haben dort die großen Berge gesehen. Haben gestaunt, haben viel erlebt, das war sehr schön.
Dann kam die Einschulung.
Die fiel mit dem Beginn des Krieges zusammen. Die ersten Jahre verliefen noch ziemlich normal, aber dann setzten die Bombenangriffe ein. Jedes Mal, wenn nach 22 Uhr Fliegeralarm war, fielen am andern Tag die ersten beiden Stunden aus. War der Fliegeralarm bis weit in die Nacht hinein, fiel am anderen Tag die Schule ganz aus.
Mein Vater war ab 1941 im Krieg, als Bahnhofsvorsteher in Russland. Und wir haben Soldat gespielt. Wir hatten uns jeder aus Holz ein Gewehr gemacht und haben dann exerziert, einer war der Kommandierende. Wir kannten nichts anderes ringsum. Es war ständig Luftalarm. Ständig waren Soldaten in der Stadt. Es gab nichts anderes.
Dann habe ich auch das erste Mal Tote gesehen. Die lagen auf der Straße, waren aus den Trümmern herausgeholt worden, notdürftig zugedeckt. Nach solchen Angriffen gingen wir jedes Mal los und versuchten, unsere Familienmitglieder zu sehen, haben geschaut, ist noch alles in Ordnung?
1947 bin ich aus der Schule gekommen. Die letzten zwei Jahre, also die siebte und die achte Klasse habe ich sehr gut gelernt. Mein Lehrer wollte partout, dass ich zur Oberschule gehe, und ich hatte partout keine Lust dazu. Ab Herbst lernte ich Modelltischler.
Als zweijähriger Lehrling habe ich dann bei einem Berufswettbewerb der Freien Deutschen Jugend mitgemacht und bin Landessieger geworden. Nach einem halben Jahr war nochmal so ein Wettbewerb, da habe ich wieder mitgemacht, und dann konnte ich die Lehre vorzeitig beenden, weil ich erfolgreich bestanden hatte. Ich bin dann in die Gießerei unseres Betriebes, Maschinenfabrik Halle gegangen, habe als Former-Lehrling umgeschult, Former und Gießer, und dann wurde mir von der Betriebsleitung gesagt, „Junge, du hast das Zeug dazu, du kannst studieren“ und – ja gut. Jetzt fehlte mir die Oberschule. Also bin ich abends, nach der Arbeit, zu Ausbildungslehrgängen gegangen, um die Aufnahmeprüfung in der Ingenieurschule bestehen zu können. Und dann habe ich an der Berg- und Hüttenschule in Eisleben Metallurgie studiert.
Einmal, im Juni 1953, wir saßen im Hörsaal,
das Fenster stand auf, und draußen rumorte es. Wir hatten gerade gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht, und einer sagte, „Herr Schindler“, das war der Dozent, „da draußen ist was los. Da ist Bewegung.“ „Ach, da irren Sie sich. Da ist überhaupt nichts los. Wer weiß, was da mal zwei, drei Leute miteinander sprechen.“ Da waren sie draußen dabei, das Gefängnis aufzubrechen. Und dann kam die Pause, und alle Genossen, es waren etliche Genossen unter uns, wurden abgerufen und instruiert. Was sie zu sagen hatten und was sie zu denken hatten. Die hatten dann eine einheitliche Meinung zu vertreten, dass das Konterrevolutionäre sind, die da irgendwie was anzetteln und die Regierung stürzen wollen, und dann hatten alle dieselbe Meinung. Obwohl sie vorher eben auch gesagt haben, es ist nicht alles in Ordnung, was so läuft.
Im Juni 1954 habe ich das Ingenieursexamen abgelegt und am 1. September in Berlin als Jungingenieur bei den Berliner Metallhüttenhalbzeug-Werken in Oberschöneweide angefangen. Dort wurde ich eingestellt als Assistent des Technischen Direktors. Das habe ich ein halbes Jahr wacker gemacht, hatte aber große Probleme mit meinen Berliner Arbeitskollegen. Der Berliner hat ein anderes Temperament, einen anderen Rhythmus. Nach einem halben Jahr wollte ich aufgeben. Aber mein Chef ließ mich nicht gehen. Zu der Zeit waren viele Republikflüchtige, auch bei uns im Betrieb, und ich habe eine Gießereiabteilung übernommen und zum Jahreswechsel 1957/58 die Leitung aller Gießereien, insgesamt knapp 400 Mitarbeiter.
Ich wurde in dieser Zeit auch immer wieder angesprochen,
in die Partei einzutreten. Das war gang und gäbe. Und es war immer problematisch, die entsprechenden Argumente zu finden, warum ich den Schritt nicht gehen will. Das hat mich schon in jungen Jahren eben doch eine ganze Menge Nerven gekostet, muss ich mal sagen. Aber es ist mir immer wieder gelungen, Nein zu sagen, letzten Endes den Schritt nicht zu gehen. Weil, so eine zwanghafte Regulierung meines Lebens war mir irgendwie nicht angenehm. Und da ich an und für sich – ich muss das mal so sagen – eine gute Arbeit leistete, hat man eben nicht auf mich verzichten wollen und hat mich in meinen Funktionen belassen, ohne Parteieintritt.
Im Januar 1960 habe ich in Berlin aufgehört, inzwischen war ich verheiratet, und wir hatten eine kleine Tochter, und habe in Dresden beim Flugzeugwerk angefangen. Mit Wohnungen war alles kompliziert. Am 15. Januar habe ich angefangen, und Mitte Juni kriegten wir eine Wohnung im Tausch zu unserer Berliner Wohnung. Die Zuzugsgenehmigung für Dresden hatte ich durch meine Arbeit im Flugzeugwerk. Meine Tochter tat sich anfangs schwer in der neuen Umgebung, wollte unten mit den anderen Kindern spielen, sagte „icke“ und „det“, und die Kinder sagten, „na das wird ja was sein, eine Berlinerin im Haus“. Aber sie haben sich schnell aneinander gewöhnt.
Das Flugzeugwerk wurde bald nach unserem Umzug geschlossen, und über verschiedene Stationen bin ich im Zentralinstitut für Fertigungstechnik gelandet. Zu der Zeit kam die Einführung der Rechentechnik, da habe ich mich in die wirtschaftliche Rechnungsführung eingearbeitet, habe Lehrgänge besucht, und wir haben dann die Optimierungsrechnung in der Produktion eingeführt. In Zusammenarbeit mit den Betrieben natürlich, nicht nur theoretisch, von oben herab, sondern wir sind in die Betriebe gegangen und haben die Produktionsabläufe untersucht, haben Vorschläge gemacht, wie man sie verbessern kann, haben Optimierungsrechnungen gemacht, noch ohne Computer, auf Papier. Ich war in Dresden Neustadt, im Kombinat für Landmaschinenbau. In diesem Kombinat habe ich 1974 auch meine Diplomarbeit geschrieben, nach einem Fernstudium an der Bergakademie Freiberg, einem ingenieurökonomischen Studium.
Dann kam ein neuer Chef.
Und der sagte zu allen „Genosse, du musst“, und zu mir sagte er „Kollege W., Sie müssen“. Und da kam die Frage der Partei noch einmal ganz groß in den Vordergrund, da kamen die Kollegen der Agitation zu mir, immer wieder: Parteieintritt, Parteieintritt. Ich fungierte damals als Abteilungsleiter, und als zweiter Mann war mir ein Parteigenosse zur Seite gestellt worden, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Ich will damit nicht sagen, dass sie alle keine Ahnung hatten. Aber viele hatten wirklich keine und haben frei, fromm und munter mit reingeredet, mit reingemischt und haben gesagt, die Partei zu vertreten. Und dann war mir das zu viel, und ich bin als sogenannter selbstständiger wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Standardisierung gegangen, habe meine eigenen Aufgabenbereiche gehabt, ohne dass ich in der Zeit nachher noch Leute unter mir hatte.
Wir, meine zweite Frau und ich, von meiner ersten war ich 1985 geschieden worden, wohnten damals mitten in der Stadt, und wir hatten einen Campingwagen. Der stand 70 km von Dresden entfernt an einer schönen Badestelle, auf einem Campingplatz. Immer freitags gings schnell nach Hause, um vier, halb fünf waren wir da, dann wurde das Wochenende mit Kaffee und einem Cognac eingeleitet, dann wurde schnell sauber gemacht, und dann, wenn‘s ging noch am Abend, aber meist erst am Sonnabend früh fuhren wir zum Campingwagen raus. Wir haben in der Zeit auch etliche Reisen gemacht, Tschechien Hohe Tatra, Ungarn Balaton. In Ungarn fragten die Kellner immer „Kohl oder Honecker“, und dementsprechend wurden wir platziert.
Meine letzte Auslandsdienstreise war Anfang Oktober 1989,
nach Moskau, Standardisierung, RGW-Staaten, und meine Frau wollte mich abholen vom Bahnhof und kam nicht durch. Das war die Zeit, wo dieser Widerstand, wir sind das Volk, anfing.
Dass ich studieren konnte, das habe ich eigentlich der DDR zu verdanken. Meine Eltern hätten das nie finanzieren können. In den Westen wollte ich nie. Zum einen war meine Mutter recht krank. Zum anderen hatte ich eine Arbeit gefunden, in der ich meinen Mann stehen konnte und auch Erfüllung gefunden habe. Ich war zufrieden mit dieser Arbeit, von der fachlichen Seite, und auch hinsichtlich der gehaltlichen Entwicklung. Ich konnte meine Familie ernähren, wir konnten leben.
Ich habe nie versucht, jemanden politisch zu überzeugen. Im Sinne der DDR. Ich habe aber auch nie versucht, jemand in der anderen Richtung zu überzeugen. Ich habe immer versucht, meinen Beruf auszuführen, meine Arbeit gut zu machen, und die politische Sache habe ich, soweit wie das ging, negiert. Eine Kämpfernatur findest du in mir nicht.
» hier bin ich geboren (Arbeitstitel), Text und Fotografie, veröffentlichte Arbeiten