hier bin ich geboren: Margarete P. erzählt (2026)
Mitte Juni 2026 im Rahmen der Portraitreihe „hier bin ich geboren“ unter dem Titel „Gummistiefel und große Versprechen“ in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ erschienen. Teil der Arbeit „hier bin ich geboren“ (Arbeitstitel, work in progress).

Hätte ich den anderen geheiratet, den Klaus, hätte ich mit in den Westen gehen müssen. Und ich hätte dem Aberglauben, der Religion meiner Eltern, dem Katholizismus, abschwören müssen.
Mein Vater war streng katholisch. Im guten Sinne. Er half, wo er konnte. Er hatte eine Seifengroßhandlung, und dort hatten wir einen Buchhalter, tadellos, ganz prima. Der war der Spielleidenschaft verfallen gewesen und hatte im Gefängnis gesessen. Als er aus dem Gefängnis kam, hat ihn mein Vater gleich eingestellt. Und wir hatten einen Lagerarbeiter, das war einer, dem das Geschäft weggenommen worden war, den hat mein Vater auch eingestellt. So hab‘ ich den Katholizismus erlebt.
Geboren wurde ich 1929 in Bautzen.
Meine Eltern waren unheimlich arbeitsam und haben uns das Leben so schön wie möglich gemacht. Jeder Sonntag war ein Feiertag, am Vormittag gingen wir in die Kirche, der Nachmittag war tabu für jede Arbeit.
Mein Vater war beim NSKK, dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps. Er konnte sehr gut Auto fahren, und hin und wieder machte er eine Rallye mit. Im Radio hörte er den englischen Rundfunk, mit dem Ohr am Lautsprecher, und auch mal eine Hitler-Rede, um zu wissen, was der will. Aber Politik haben wir gar nicht betrieben zuhause. Ach ja, in die Partei eintreten, das hat mein Vater auch machen müssen. Im Krieg war er dann ein Jahr Besatzungssoldat in Poznań. Danach wurde er unabkömmlich gestellt.
Später war immer die Gefahr eines Bombenangriffs, und da haben wir im Keller des Nachbarhauses gesessen und gewartet. Im Radio haben wir verfolgt, wie weit die Russen kamen, und auf einmal, wir hatten noch den Tag vorher Schule, hieß es, die Russen sind da. Da hat mein Vater meine Mutter, meinen Bruder und mich zu Verwandten zehn Kilometer weiter westlich gebracht, weil er dachte, dort wird es weniger schlimm.
Von meinen Cousinen sind fast alle vergewaltigt worden. Es war wirklich so wie immer beschrieben: „Frau, komm!“. Ich war 16 Jahre und nicht gerade eine Schönheit. Ich bin gut davongekommen. Und meine Mutter auch.
Nach dem Krieg hatten wir in allen möglichen Gebäuden Unterricht und eine Zeit lang auch Kohleferien. Wir saßen im Mantel in der Schule, bekamen Hausaufgaben für mehrere Tage und wurden nach Hause geschickt.
1949, mit 20, ging ich von zu Hause weg.
Eigentlich wollte ich Medizin studieren. Aber ich bekam keinen Platz, weil zu viele Heimkehrer erst rankommen sollten und Arbeiterkinder, und ich gehörte schon zu den Kapitalistenkindern, durch meinen Vater. Ein Schulfreund erzählte mir von seiner Cousine, die war medizinisch-technische Assistentin, MTA. Da habe ich mich dafür gemeldet und bin nach Berlin, habe im Lette-Haus die Ausbildung begonnen und in einem Heim der Caritas gewohnt. Wir waren eine Mischung von jungen Mädchen und alten Damen. Die alten Damen kümmerten sich um sich und wir uns um uns. Wir hatten auch Jungs in unserer Klasse und haben manchmal einen Hausball gemacht, das war wunderschön.
Nach der Ausbildung hätte ich vielleicht doch noch Medizin studieren können. Aber inzwischen war mein Bruder so weit, und das Geld meines Vaters reichte nicht für zwei. So ging ich als MTA in das Institut für Veterinärpathologie in der Hannoverschen Straße in Berlin Mitte. Einmal, ich kam gerade aus der Tür, stieß ich mit einem Mann zusammen. Er studierte Veterinärmedizin und besuchte mich dann immer wieder, manchmal durfte er auch direkt neben meinem Labortisch sitzen. Irgendwann fragte ihn der Professor, bei dem er die Doktorarbeit machte, ob er nicht wieder nach Dummerstorf in Mecklenburg komme wolle. Dort hatte er vor dem Studium als Praktikant gearbeitet. Also haben wir geheiratet und sind dahin, sind nach Mecklenburg. Das war 1956.
Das Erste, was mir mein Mann dort sagte, war, dass ich mir wohl ein paar Gummistiefel zulegen müsse. Ich hatte so überschuhartige Stiefel, die schlank und elegant waren. Aber die waren nicht gemeint, sondern solche, wie die Bauern sie haben. Wir wohnten direkt an einem Teich, kein Zaun drum, und unsere inzwischen geborene Tochter war so lebhaft, die krabbelte immer los. Ein Jahr später kam unser Sohn auf die Welt. Ich weiß noch, einmal, da konnten die beiden schon laufen und ich wollte mit ihnen in die Stadt fahren, zum Spazierengehen und Einkaufen. Als wir an der Bushaltestelle ankamen, waren die Kinder schon müde, und die weiße Strumpfhose meiner Tochter, die war auch schon schmutzig. Wir sind dann noch in den Bus gestiegen und losgefahren, aber bei nächstbester Gelegenheit umgekehrt.
Unser jüngstes Kind, wieder eine Tochter, wurde 1961 geboren, in der Zeit des Mauerbaus. Ich hatte eine Heidenangst, dass Krieg kommen könnte. Ich dachte, das lassen sich die Westleute nicht gefallen. Aber die Angst war nach der Geburt weg. Mein Mann war zu der Zeit unterwegs, und meine Mutter kam. Ach ja, meine Mutter. Die kam immer.
Das mit der Mauer ist eine krasse Sache gewesen.
Aber, es wurde ja immer leerer in der DDR. Die wichtigen Leute, die waren ja nach und nach weg. Ärzte und so, die wurden immer weniger. Darum war das schon verständlich. Das war eben eine Grenze für den Osten, der Osten sollte nicht entleert werden. Uns betraf das nicht, wir hatten nicht vor, in den Westen zu gehen. Wir hatten uns mit der Zeit daran gewöhnt, dass es im Osten besser ist, gerechter, es gab keine Arbeitslosen. Später, als wir schon in Berlin wohnten und ich abends mit der Bahn von der Arbeit nach Hause fuhr, habe ich mich immer gefreut. Von den jungen Leuten, die da saßen, hatte jeder einen Arbeitsplatz oder ging noch in die Schule, und hatte eine Wohnung.
Eigentlich hätte ich unsere Kinder katholisch erziehen müssen, und wir haben sie auch taufen lassen, aber der Glauben hat bei uns keine Rolle gespielt. Mein Mann war evangelisch erzogen worden, und deswegen den Frieden zu stören, dazu war ich selbst zu wenig kirchlich eingestellt. Und das hätte auch keinen Zweck gehabt, denn mein Mann war ja viel stärker als ich.
Mein Mann wollte auch immer, dass ich zuhause bleibe. Einer musste Zeit haben, für die Kinder und das alles. Aber als unsere kleine Tochter zweieinhalb war, inzwischen wohnten wir in Berlin, habe ich an der Volkshochschule Stenografie und Schreibmaschine gelernt. Meine Tochter konnte in den Kindergarten gehen, der extra für die Volkshochschule gemacht war, und ich habe inzwischen etwas anderes getan als nur Hausarbeit.
Danach arbeitete ich siebeneinhalb Jahre als Privatsekretärin, bei einem Professor, er war der Gründer des Instituts für Sekundärrohstoffe. Mein Mann hat mir diese Stelle besorgt, wie er später immer stolz erzählte. Als der Professor weggezogen war, fand ich einmal zu Hause auf der Anrichte einen Katalog für Weiterbildungen, von den Kindern irgendwie. Und da habe ich gesehen, dass es die Möglichkeit gab, Englisch ab Abiturstufe anzufangen. Das war in einem richtigen Klassenverband, und diese Gemeinschaft tat mir sehr gut. Denn das Haus, in dem wir wohnten, hatte auf der einen Seite eine große Hecke, auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein leerer schöner Garten, den bewirtschaftete eine alte Dame, und die Straße endete im Wald, da war auch nichts los.
Danach wollte ich eine Stelle, wo man viel Englisch braucht und habe annonciert.
Der Gemüsegroßhandel und der Außenhandel haben sich gemeldet, und beim Außenhandel bin ich gelandet. Aber als ich anfangen wollte, wurde mir gesagt: „Leider können wir Sie doch nicht nehmen, Sie haben Westverbindungen.“ Das war wie eine Ohrfeige. Unsere Westverbindungen bestanden darin, dass wir hin und wieder eine Karte bekamen, von Bekannten meines Mannes. Ich habe dann gesagt, dass wir praktisch überhaupt keine Kontakte hatten, und konnte doch bleiben.
Am Anfang war ich begeistert. Ich dachte, es hätte sehr viel Sinn. Auswertung englischsprachiger Zeitungen, ran schreiben, auf welches Produkt sich ein Beitrag bezog und welches Land es betraf. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass wir hauptsächlich für das Archiv gearbeitet haben, das manchmal jahrelang nicht angeguckt wurde.
Ich war mehr für die DDR als mein Mann.
Aber in die Partei bin ich nicht eingetreten. Und für meinen Mann wäre das nie in Frage gekommen. Die Partei, die hat er richtig gehasst. Aus seiner Sicht sind die meisten bloß reingegangen um ihres Vorteils willen, und manchmal, um andere zu schikanieren. Später hat sich herausgestellt, dass er als informeller Mitarbeiter bei der Staatssicherheit geführt wurde. Er hatte da unterschrieben, weil er sowieso immer Reiseberichte machte, wenn er im Ausland war.
Unsere Wahlen, die politischen Wahlen, die habe ich eigentlich als Unsinn empfunden. Weil, es waren ja doch immer 99 Prozent dafür. Und unsere Zeitungen, die hab‘ ich nicht gelesen, außer dem, was örtlich los war. Denn wenn da stand, „100 Prozent Erfolg“, das stimmte ja auch nicht. Jeder hat sich sein Teil gedacht und dass es sich gar nicht lohnte, hinzuhören. Man wusste ja doch, dass es so nicht stimmte. Aber man wußte auch, dass die Grundtendenz gut war.
» hier bin ich geboren (Arbeitstitel), Text und Fotografie, veröffentlichte Arbeiten