Ich sage immer, ich habe zwei Leben (2020)

Über das Leben mit einem künstlerischen Zweitberuf. Gespräche mit den Berliner Fotografen Hansgert Lambers, Dorothee Deiss und Lars Nickel. Text und Bilder, entstanden 2018/2019. Veröffentlicht in der Monatszeitung „PHOTONEWS“.

Fast die Hälfte der Berliner Künstlerinnen und Künstler lebt überwiegend von Einkünften aus nichtkünstlerischer Arbeit. In dieser Gruppe finde ich mich wieder: Mit einem naturwissenschaftlichen Studium und einem Fotografiestudium Jahre später verdiene ich mein Geld überwiegend im Wissenschaftsbereich und arbeite im Zweitberuf als Fotografin. Ich achte meinen Erst- und liebe meinen Zweitberuf. Die damit verbundene Doppelidentität ist Last und Privileg zugleich. Last, weil der Wechsel zwischen den Berufen kräftezehrend und zeitraubend ist. Privileg, weil der Erstberuf finanziell unabhängig macht und Struktur und Anerkennung gibt, beides Dinge, die ich im Zweitberuf nicht ohne weiteres habe. Dennoch wiegt die Last an manchen Tagen schwerer. Wie geht es anderen Menschen mit künstlerischem Zweitberuf? Wie fanden sie ihren Weg, und welche Erfahrungen haben sie mit beruflicher Doppelidentität gemacht? Antworten fand ich bei den Berliner Fotografen Hansgert Lambers, Dorothee Deiss und Lars Nickel.

Hansgert Lambers, © Conny Höflich, 2019

Hansgert Lambers kam als Jugendlicher das erste Mal mit Fotografie in Berührung. Fotografie war, „wie man das damals nannte, Hobby. Man fotografierte und nahm das mehr oder weniger ernst.“ Er nahm es relativ schnell sehr ernst, entschied sich nach dem Abitur aber für ein Ingenieursstudium. „Studieren hieß damals NICHT Fotografie, in München konnte man das schon, in Berlin beim Lette-Verein auch, aber das war alles weit weg.“ Er wurde Ingenieur.

Es folgten intensive Arbeitsjahre als Datenverarbeiter, in Vollzeit. Bis zu einem Punkt, an dem er sich fragte, „was machst du hier überhaupt, was soll das Ganze?“ Zu dieser Zeit war er beruflich viel im heutigen Tschechien unterwegs und fand über dortige Fotografen-Freunde zurück zu seiner eigenen Fotografie. Aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, seine Arbeitszeit als Datenverarbeiter zu reduzieren, nutzte er das „Mehr an Zeit“ zum Fotografieren. Er baute sich eine Dunkelkammer, und allmählich wurde ihm bewusst, dass er „nicht nur einfach mal hier und mal da knipsen konnte“, sondern, dass er seine Bilder thematisch zusammenstellen und überlegen musste, „wie bringe ich das jetzt an den Mann, an die Frau?“ Ein vollständiger Wechsel zur Fotografie kam für ihn nicht in Frage. Dafür wusste er zu genau, dass die Fotografie, die er macht, „brotlos“ ist.

Mit der Frühpensionierung entstanden neue Freiräume. Er nutzt sie bis heute für seine fotografischen Arbeiten. Parallel dazu verlegt er fotografische Bücher zeitgenössischer Autoren in dem von ihm in den 80er Jahren gegründeten ex pose-Verlag. Aber es dauerte, bis er den „alten Beruf wirklich abgestreift hatte. Auch innerlich.“ Da erst wurde ihm bewusst, wie erheblich er durch seinen Hauptberuf „von der Fotografie weggehalten“ worden war.

Rückblickend kommt er zu dem Schluss, dass bei zwei Berufen „einer notwendigerweise der bestimmende ist“. In seinem Falle war das die Datenverarbeitung. Nicht, weil sie „so toll“ war, sondern weil er damit sein Geld verdiente und weil er da eine Position hatte, die ihn forderte. Mit der Dominanz des einen Berufes besteht die Gefahr, den anderen zu vernachlässigen. In beiden Berufen wirklich gut zu sein, hält er für schwierig. Seltene Beispiele für gelungene fotografische Arbeiten, die parallel zu einem nicht-künstlerischen Erstberuf entstanden, sieht er bei Milton Rogovin und Ralph Eugene Meatyard. Beide haben sich in der Fotografie „thematisch total konzentriert, nicht noch irgendwelche Aufträge nebenbei fotografiert.“ Gleichzeitig zitiert er den südamerikanischen Schriftsteller Jorge Luis Borges, der „allen Dichtern rät, sich einen guten Hauptberuf zu suchen, um da die Sicherheit zu haben und sein Brot zu haben und seine Wohnung bezahlen zu können. DANN kann man frei sein und Gedichte schreiben.“ So ähnlich sei das vielleicht auch für Fotografen, Maler, andere Künstler. Gleichzeitig kann die von Borges angesprochene Freiheit aber auch einsam machen. „Dann muss man Kontakte suchen, versuchen, durch andere wahrgenommen zu werden.“ Wichtig ist, sich ein Umfeld aufzubauen, das „wirklich kritisch ist. Nicht nur ‚Ach ja, du machst immer so schöne Bilder‘. Dann bleibt man einsam. Dann ist man wieder mit sich allein, denkt allein darüber nach, wie man einen Ausdruck, eine Form oder was immer in seine Arbeit bekommt.“

Insgesamt leichter könnte es sein, wenn die gesellschaftliche Akzeptanz für diese Art des Lebens größer wäre. „In Deutschland ist das nicht üblich, man muss sich das immer ein bisschen erkämpfen. Die Tschechen zum Beispiel nehmen das wahrscheinlich lockerer. Die sagen ganz einfach, Mensch, der ist Künstler, und außerdem arbeitet er als Ingenieur auf der Baustelle. Oder als Arzt irgendwo. Klar.“

Dorothee Deiss, © Conny Höflich, 2019

Dorothee Deiss entdeckte die Fotografie ähnlich zu Hansgert Lambers als Jugendliche, fotografierte „total begeistert“ und hätte am liebsten Fotografie oder Kunst studiert. Erziehungsbedingt war sie gleichzeitig aber sicher, dass das „viel zu egoistisch ist: Ich muss ja etwas machen, womit ich für andere da sein kann.“ Sie beendet die Schule mit einem sehr guten Abitur und denkt, „damit muss ich jetzt halt Medizin machen.“ Glücklich ist sie nicht. „Dieses naturwissenschaftliche Denken, das war nicht ich, das hat meine ganze Energie genommen, ebenso wie die Arbeit im Krankenhaus.“ Erst zum Ende des Studiums, während der Arbeit in einer Kinderklinik, ändert sich das. Die Kinder fordern ihre Phantasie und ihre Kreativität. Sie merkt, dass sie jetzt als Ärztin mit ihrem „ganzen Herzen dabei sein muss“, damit sie eine Chance hat. Nach mehreren Jahren aber wieder diese Unzufriedenheit, das Gefühl, dass „irgendetwas Wichtiges einfach fehlt.“

Eines Tages hört sie von einer Fotografie-Schule in Berlin. Sie bewirbt sich, wird angenommen und absolviert das dreijährige Studium nebenberuflich. Bei ihren ärztlichen Kollegen stößt das auf wenig Verständnis. Trotz der Doppelbelastung geht es ihr jetzt aber „total gut“, endlich darf sie Fotografie studieren. „Endlich.“ Nach den drei Jahren der Wunsch, noch weiter zu lernen. Sie entscheidet sich für ein Masterstudium in den USA und pendelt nun zwischen den Kontinenten. Alles nebenberuflich, hauptberuflich arbeitet sie weiter als Ärztin in Berlin. Das Masterstudium ist „total klasse“, dennoch geht die Belastung nicht spurlos an ihr vorüber. Nach dem Abschluss kann sie „ein Jahr lang kein Bild mehr machen, in keine Ausstellung mehr gehen, kein Fotobuch mehr ansehen.“ Sie denkt, „um Gotteswillen, jetzt habe ich so viele Jahre dafür gekämpft, Fotografin zu sein, und nun kann ich gar nicht mehr fotografieren.“

Inzwischen kann sie wieder fotografieren, und am meisten fasziniert sie das Portrait. „Ein Portrait ist immer etwas Äußerliches. Gleichzeitig kann man in einem Portrait viel mehr von einem Menschen darstellen als nur die Oberfläche.“ Das Interesse an dem, was sich hinter der Oberfläche verbirgt, ist auch ein Grundstein ihrer ärztlichen Arbeit: „Als Ärztin, wenn ein Patient mir gegenübersitzt, lese ich doch ganz viel in seinem Gesicht, in seiner Mimik und Gestik. Um meine ärztliche Arbeit gut machen zu können, bin ich darauf angewiesen, die Gesichtssprache interpretieren zu können.“ Diese Erkenntnis stellt eine Art Auflösung ihres Kampfes zwischen dem Leben als Ärztin und dem Leben als Fotografin dar: „Plötzlich habe ich gemerkt, ich bin beides. Heute sage ich immer, ich habe zwei Leben.“

Das Hin- und Her-Wechseln bleibt dennoch schwierig. „Es ist jedes Mal, als wenn das Herz hin und her geschüttelt wird. Wie wenn du irgendwo festgeklebt bist, und du musst dich wegreißen, und jedes Mal tut es weh.“ Und es bleibt der Vorwurf an sich selbst, „nie den Sprung ins kalte Wasser gewagt zu haben“, nie den Versuch gewagt zu haben, vollständig von Fotografie zu leben.

Lars Nickel, © Conny Höflich, 2019Lars Nickel hat das versucht. Neben dem fotografischen Arbeiten bedeutete es das Feilschen um Bildhonorare, das Beantragen von Stipendien und Fördergeldern, die Mit- und oft Eigenfinanzierung von Ausstellungen („Das ist ja Werbung für Sie.“). Und parallel dazu Nebenjobs. Sein Fazit nach zwanzig Jahren: „Damit war es für mich nicht möglich, eine halbe, geschweige denn eine ganze Familie zu ernähren.“ Angetrieben von der Notwendigkeit, „ein regelmäßiges Einkommen“ zu erzielen, besann er sich auf den Beruf seines Vaters und wurde Fensterputzer. An diesem Beruf schätzt er die Klarheit: „Die Leute wissen, was sie bezahlen müssen, ich mache die Arbeit, und danach bekomme ich mein Geld. Ich kann das planen und die Arbeit wird gebraucht.“

Inzwischen müssen Fotografieaufträge mit den Fensterputzaufträgen konkurrieren, „sie müssen vielleicht nicht genauso viel Geld bringen, aber sie dürfen auch nicht viel weniger Geld bringen.“ Hinzu kommt, dass sich die Arbeit von in eigenem Auftrag arbeitenden Fotografen durch die Digitaltechnik und soziale Netzwerke verändert hat: „Ich frage mich manchmal, ob ich zu diesen hundert Milliarden Fotos, die es inzwischen auf der Welt gibt, jetzt auch noch hundert hinzufügen möchte, und da fällt mir die Antwort ‚Ja‘ manchmal schon etwas schwer.“

Ob seine fotografische Arbeit als Hobby bezeichnet wird, ist ihm mittlerweile egal: „Ich habe ein Buch gemacht, und das rechne ich mir an, dass ich beide Arbeiten darin zusammengeführt habe.“ („Beletage: Ansichten eines Fensterputzers“, Berlin, 2014) Für ihn ist Fotografieren zunächst Sammeln. Sammeln von Begegnungen mit Menschen, Sammeln von zufällig Gefundenem: „Ich gehe mit der Kamera raus und komme manchmal auch ohne Fotos zurück. Ich glaube, es gibt beim Rausgehen eine Fokussierung auf etwas anderes, nicht auf mich, und im besten Falle ein gutes Bild.“

Sein Interesse daran, potentielle Geldgeber für fotografische Projekte „zu begeistern und zu versuchen, dafür eine bestimmte Summe aufzutreiben“, hält sich inzwischen in Grenzen. Er tendiert dazu, Geld anzusparen und seine Themen selbstständig umzusetzen: „Ich habe eigentlich keine Lust mehr, so abhängig zu sein. Jemanden zu fragen, und dann im Nachhinein hören zu müssen ‚Ach, warum haben Sie das jetzt so gemacht? Wir haben uns das ja ganz anders vorgestellt‘.“

Abschließend eine Frage, auf die das Finanzamt mit ‚Nein‘ und der Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlin mit ‚Ja‘ antwortet: Kann künstlerische Arbeit, mit der man kein oder kaum Geld verdient, ein Beruf sein? Und eine letzte Frage: Wie viele Berufsleben kann ein Mensch sinnvoll ausfüllen? Wahrscheinlich lässt sich diese Frage nicht für alle Menschen gleich beantworten. Sicher ist: ‚Zwei‘ liegt im Bereich des Möglichen.

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